Die Phimose – eine medizinische Indikation?

Was ist eine Phimose?

Die Phimose ist in der Vergangenheit wahrscheinlich sehr oft als medizinische Indikation für eine Vorhautamputation missbraucht worden. Laut Pflegewiki kam die Vorhautamputation vor zehn Jahren 30 mal häufiger vor, als es medizinisch notwendig gewesen wäre. Und dies bei deutschen Jungen ohne Migrationshintergrund.

Quelle: Pflegewiki Komplikationen der Beschneidung

Liest man in medizinischen Lexika, findet sich die Erklärung, eine Phimose sei eine zu enge Vorhaut. Das allein ist keine medizinische Indikation für eine Vorhautamputation. Jedenfalls nicht, nach heutigem Wissensstand.

Eine Vorhautverengung kann Dreierlei bedeuten:

  • Die Vorhautöffnung kann zu eng sein
  • Die Vorhaut kann mit der Eichel verklebt sein
  • Das Vorhautbändchen kann zu kurz sein

Die Empfehlungen, ab wann eine Vorhautverengung (Phimose) behandelt werden muss, sind immer noch sehr unterschiedlich. Sie reichen von der dringenden Empfehlung, mit drei bis sechs Jahren zu operieren, bis zu dem Hinweis, dass sich das Problem bis zum Ende des siebzehnten Lebensjahres in ca. 99 % der Fälle auch von selbst lösen kann.

Ein Umdenken in der Medizin

Eine Vorhautverengung ohne Krankheitswert, ohne Beschwerden, die von allein verschwindet, wird inzwischen physiologische Phimose oder Vorhaut-Verklebung genannt. Bleibt die Vorhaut nach der Pubertät zu eng, ist es eine primäre Phimose. Das ist angeboren. Die Häufigkeit liegt bei nur 0,6 – 1,5 %.

Quelle: Pflegewiki Phimose

Aber auch die Beschwerden einer Phimose werden heute unterschiedlich bewertet. Ein Streitthema ist zum Beispiel das sogenannte Ballonieren, wenn der Harn sich in der Vorhaut staut. Das könne zu häufigen Entzündungen führen, so glauben die einen und wollen die Vorhaut sogleich operieren. Für andere ist das Ballonieren natürlich und ungefährlich.

Quelle: DocCheck.com Ballonieren

Quelle: DocCheck.com Phimose

Wann muss denn jetzt wirklich operiert werden?

Die Leitlinie S2k “Phimose und Paraphimose“ der Deutschen
Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH), Stand: 09/2017, sagt dazu folgendes:

 “(…) Eine Therapie der primären oder sekundären Phimose sollte nur dann erfolgen, wenn die Patienten Beschwerden haben oder solche unmittelbar zu erwarten sind (…)”

 

Quelle: S2k Leitlinien Phimose und Paraphimose

Im Säuglingsalter besteht laut der Leitlinie keine Indikation zur Vorhautamputation, bis auf sehr wenige Ausnahmen. Bis zum Ende der Pubertät ist eine Behandlung nicht nötig, wenn es keine Beschwerden gibt:

  • Bei Kindern: Probleme oder Schmerzen beim Wasserlassen
  • Bei Jugendlichen und Erwachsenen zusätzlich: Probleme oder Schmerzen bei sexuellen Aktivitäten

Keine Indikation ist eine Vorhaut-Verklebung oder die Ansammlungen von Smegma und Talgdrüsensekret unter der Vorhaut, da diese heute eher als ein natürlicher Prozess angesehen wird, solange sie keine Beschwerden macht.

Sekundäre / erworbene Phimose

Narbengewebe kann zu einer erworbenen Vorhautverengung führen. Gründe für Narben können Entzündungen, Infektionen und Verletzungen sein.

Häufige Harnwegsinfektionen können eine Indikation für die Operation sein. Ob eine Vorhautamputation Infektionen verhindert, ist umstritten. Eine frühe traditionelle Vorhautamputation erhöht die Häufigkeit von Harnwegsinfektionen. Es wird vermutet, dass Cortison-Salben bei wiederkehrenden Infektionen helfen könnten. Ob es eine Cortison-Salbe sein muss, weiß ich nicht, aber warum hat das noch niemand ausprobiert?

Die Hauterkrankung “Lichen sclerosus” soll immer behandelt werden. Auch hier ist die Behandlung mit einer anti-allergischen Salbe (Clobetasolpropionat) möglich. Wäre es nicht logischer, die Ursache einer Infektion oder Entzündung zu suchen und danach mit den passenden Medikamenten zu behandeln? Statt dessen versucht man, Infektionen und Entzündungen mit Operationen zu heilen, was dann zu mehr Narbengewebe führt. Viele Entzündungen könnten durch Allergien und Unverträglichkeiten auf Hautpflegeprodukte, Waschmittel oder Windeln entstehen. Ein Fehler der Eltern bei der Hygiene wäre möglich. Doch niemand fragt danach.

Heute wird eher an dem Nutzen einer Vorhautamputation gezweifelt, während Ärzte und Eltern früher nach Gründen gesucht haben, um auf jeden Fall operieren zu können. Es gibt ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Medizin. Es wurde versucht, Kinder sexuell zu  demütigen, um ihnen die Lust zu rauben. Verstümmelnde, schmerzhafte Eingriffe an den Genitalien waren das Mittel der Wahl. Das ist leider eine Tatsache. Dafür wurden sogar Indikationen erfunden. Von Eltern gewünscht, von Medizinern unterstützt. Heute sind Ärzte und Eltern ratlos, weil das Wissen über alternative Behandlungen für Entzündungen fehlt. Wie viele Jahrzehnte hat die sadistische Körper-Feindlichkeit von damals die moderne Medizin zurück geworfen?

Quelle: Beschneidung-von-Jungen.de

Narbengewebe durch Verletzungen

Durch zu frühe und zu hartnäckige Versuche, die Vorhaut zurück zu ziehen, kann sich Narbengewebe bilden, was zu erworbener Vorhautverengung führt. Hier wird deutlich, wie schädliche falsche Informationen sind. Statt zu helfen, wird nur Druck auf die Eltern und das Kind ausgeübt, was zu dann zu ernsthaften Verletzungen und selbstverletzendem Verhalten führt. Laut Pflegewiki sind Ärzte heute immer noch falsch informiert.

“(…) Viele Ärzte sind schlecht ausgebildet, was die nicht-zurückziehbare Vorhaut anbelangt. Folglich sind sie unfähig eine normale, gesunde nicht zurückziehbare Vorhaut in der Kindheit von einer pathologischen Phimose zu unterscheiden. Die Patienten erhalten von Ärzten häufig sehr schlechte Ratschläge (…)”

Quelle: Pflegewiki Phimose

Am Ende entsteht genau das, was verhindert werden sollte. Eine Phimose! Es kann sogar im Extremfall zu einem medizinischen Notfall kommen: der Paraphimose.

“Es sollte bei einem Säugling oder Kleinkind nie versucht werden, die Vorhaut gewaltsam zurückzuschieben. Es kann dabei zur Abschnürung der Eichel durch den engen Ring der Vorhaut kommen (sog. Paraphimose).”

Quelle : DocCheck.com Phimose, die Urologensicht

Die Paraphimose ist ein medizinischer Notfall. Eine zu enge Vorhaut schnürt die Eichel ab und kann nicht zurückgeschoben werden. Ursache können medizinische Eingriffe sein, Sex oder der Versuch, die Vorhaut zurück zu streifen, obwohl sie zu eng ist. Unbehandelt führt die Paraphimose zum Tod des Gewebes, dass abgeschnürt wurde.

Konventionelle Therapie der pathologischen Phimose

Die konventionelle Therapie fängt mit der Verwendung einer steroidhaltigen Salbe an, die zweimal am Tag aufgetragen wird. Das führt in 90% der Fälle zu einer Heilung. Der junge Patient soll die Salbe selbst auftragen oder der Vater:

“(…) Das Auftragen von Salben oder Cremes und die Manipulation am Penis des Jungen bewirkt auch sexuelle Erregung. Dies kann vor allem bei längerer Behandlung die Inzestschranke in Frage stellen und sogar traumatisierend wirken, wenn die Manipulation als nicht selbst herbeigeführte Stimulation und/oder als überwältigend und übergriffig erlebt wird (…)”

Quelle: Leitlinie Phimose und Paraphimose

Da frage ich mich natürlich, welche psychologischen Folgen eine frühe Verletzung an den Genitalien durch eine unnötige Operation hat, wenn die Eltern sich dies, aus welchen Gründen auch immer, wünschen.

Postzirkumzision-Phimose

Wenn die Therapie mit Salben nicht hilft, wird die Vorhaut amputiert. Es gibt radikale, aber auch schonende Operationstechniken. Auch bei schonenden Techniken, kann es zu Komplikationen kommen. Eine ist die Postzirkumzision-Phimose. Die Häufigkeit liegt laut Pflegewiki bei 2-3 %.

“(…) Wenn ungenügend äußere Haut und ungenügend innere Vorhaut entfernt wurde, und wenn darüber hinaus eine Vorhautöffnung sich zusammenzieht oder fibrotisch wird, kann eine erworbene pathologische Phimose die Folge sein, die auch Postzirkumzision-Phimose bezeichnet wird. Diese Komplikation kann oft schwerwiegend sein und zur Harnröhrenobstruktion führen. (…)”

Quelle Pflegewiki Komplikationen der Beschneidung

Komplikationen der Vorhautamputation

Auch unter perfekten medizinischen Bedingungen gab es bei Vorhautamputationen Todesfälle. Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Häufig wird nur die Komplikation angegeben, die zum Tod führten. Es fehlt der Hinweis auf den Eingriff, der hinter den Komplikationen steht. Das Risiko ist besonders hoch, wenn der Eingriff an Säuglingen durchgeführt wird.

Die Zahl der Komplikationen liegt zwischen zwei und Zehn Prozent. Auch in spezialisierten Kliniken treten Komplikationen mit über 5 % auf. Die Art der Komplikationen können vielfältig sein und bis in das Erwachsenenleben hineinwirken, wie Pflegewiki zeigt. In der Leitlinie werden als häufigste Komplikationen Blutungen, Infektionen und Penisverkrümmung angegeben. Auch Verletzungen der Eichel bis hin zu einer Amputation kamen vor.

Ein besonderer Fall ist die Meatusstenose. Eine Verengung der Harnröhrenöffnung macht wieder viele Eingriffe notwendig, bis hin zu einer erneuten Operation. Eine Verengung der Harnröhrenöffnung kommt nach Vorhautamputation bei Säuglingen besonders häufig vor, möglicherweise sogar bis zu 20%.

Fazit

Es wird deutlich, dass eine Phimose als sogenannte medizinische Indikation für unnötige operative Eingriffe an Säuglingen und Kindern schon zu häufig missbraucht wurde. Wer die natürliche Entwicklung des männlichen Geschlechtsteils nicht verstanden hatte, der antwortete in der Vergangenheit mit rituellen Verstümmelungen oder Medikalisierung und Operationen.

Beschwerden, die bekämpft werden sollen, wie eine Enge der Vorhaut oder Probleme beim Wasserlassen, werden durch die “Behandlung” dieser Beschwerden oft erst ausgelöst oder noch einmal verschlimmert.

Es erscheint mir außerdem unmöglich, eine “Beschneidung nach den Regeln der ärztlichen Kunst” durchzuführen, wenn als Grund nur der religiöse Wille der Eltern angegeben wird. Denn “ärztliche Kunst” bedeutet, es ist richtig, nicht zu operieren, solange keine echte medizinische Indikation vorliegt.

Eine Vorhautamputation ohne echte medizinische Indikation, bedeutet ein unnötiges gesundheitliches Risiko für Säuglinge und Kinder.  Es ist darüber hinaus auch eine massive Verletzung der Kinderrechte. Die Religionsfreiheit der Eltern kann nicht wichtiger sein, als die körperliche Unversehrtheit der Kinder. Religion steht nicht über Gesundheit. Kinder sind keine Sachen. Kinder sind weder das Eigentum der Eltern, noch das Eigentum ihrer Religionsgemeinschaft oder ihres Staates.

Ärzte und Chirurgen sollen in erster Linie der Gesundheit dienen und nicht bei sexuellen Demütigungen oder Verstümmelungen helfen. Für Eltern muss die Gesundheit ihrer Kinder an erster Stelle stehen.

Artikel 14 [Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit]
(…) (3)    Die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu bekunden, darf nur den gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die zum Schutz der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit oder Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer erforderlich sind.(…)

Quelle: Kinderrechtskonvention im Wortlaut