Verstümmelung oder Beschneidung?

Was genau ist eine Verstümmelung? Der Duden meint dazu nur, es handelt sich um das Fehlen eines Körperteils. Woanders lese ich, eine Verstümmelung ist das Ergebnis einer radikalen Beschneidung oder Reduzierung.

Seit meiner Krebs-Therapie habe ich nur noch eine Brust. Durch die Mastektomie bin ich  verstümmelt worden. Dabei handelte es sich nicht mal um einen kulturellen oder traditionellen Eingriff. Ob ich mich verstümmelt fühle? Ja, natürlich. Ich würde niemals auf die Idee kommen, zu sagen, ich sei an der Brust beschnitten.

Ich fühle mich auch verstümmelt, weil es keine bessere Heilungsmethode gibt. Ich habe um meine Brust gekämpft. Als Waffe blieb mir nur, die Chemotherapie zu machen.

Beschneidung meint dasselbe wie Verstümmelung, will aber die Handlung dahinter verharmlosen. Das bringt mich zu einer anderen Frage. Ist eine weniger radikale Beschneidung auch eine Verstümmelung? Wenn beispielsweise nur der Teil eines Körperteils entfernt wird? Was, wenn nur die Hälfte meiner Brust fehlte? Was dann? Ja, ich wäre auch dann verstümmelt. Es ist jedenfalls kein Zeichen von Gesundheit.

Ich finde dies:
„Verstümmelung bezeichnet die als nachteilig bewertete, radikale Veränderung der Gestalt durch äußere Einwirkung. Der Begriff kann sowohl für den Vorgang wie auch für das Ergebnis stehen. Verstümmelung kann mit Verlust von Funktion oder wichtiger Bestandteile einhergehen.“

Wenn eine radikale Veränderung positiv bewertet wird, ist es also keine Verstümmelung? Selbst, wenn wichtige Bestandteile oder Funktionen verloren gehen? Da bleibe ich lieber bei der Duden-Definition.

Manche Menschen wünschen sich, verstümmelt zu werden. Ich habe einen Bericht über einen Mann gesehen, besessen von dem Gedanken, sich ein gesundes Bein amputieren zu lassen. Sie haben ihm sein Bein tatsächlich amputiert. Ich meine, reale Ärzte und medizinisch ausgebildete Chirurgen haben das gemacht. Diese Besessenheit ist eine Krankheit. Sie heißt: “Body Integrity Identity Disorder, kurz BIID”. Man weiß also, dass es sich um eine psychische Störung handelt. Trotzdem besteht die sogenannte Heilung dann in der Verstümmelung seines Beins. Was ist los mit dieser Welt? Ich habe unfreiwillig ein Körperteil verloren. Für mich klingt das wie Satire.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/selbstgewollte-amputation-als-ob-man-einen-schalter-im-gehirn-umlegt-a-702406.html

Es ist keinesfalls falsch, diese selbstzerstörerische Besessenheit als Wahnsinn zu bezeichnen. Und die Reaktion seiner Umwelt auf seine Störung ist geistesgestört. Meint Pluralismus, dass man gegenüber allen Formen der Verstümmelung tolerant sein muss? Sind die Lobbyverbände von Chirurgen so viel mächtiger, als die Fähigkeiten der Psychologie?

Die vorsorgliche Amputation von Brüsten ist ebenfalls eine Form der freiwilligen Selbst-Verstümmelung. Auf Wunsch passiert das bei familiärem Brustkrebs oder einer großen Vorstufe von Krebs (DCIS).

BIID führt zu obsessiven Gedanken, die Leidensdruck verursachen. Bei den Frauen ist es die Angst vor Brustkrebs. Aber ist es in Ordnung, nicht nach einer anderen Lösung zu suchen? Für wie viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte wird die Verstümmelung unsere Antwort auf Krebs sein? Ist es in Ordnung, nur weil ein Mediziner es macht? Ist es in Ordnung, nur weil es freiwillig ist?

Es gibt sogar Menschen, die sich aus sogenannten ästhetischen Gründen verstümmeln. Das nennt sich dann Body-Modifikation. Sie lassen sich die Zunge oder den Penis spalten, die Ohren zu Elfenohren operieren, spitzen sich die Zähne an, lassen sich das Weiße in den Augen schwarz tätowieren, Implantate unter die Haut setzen oder sie tragen einen Plastikring, wodurch die Haut extrem gedehnt wird. Das regt kaum noch jemanden auf.

Menschen gewöhnen sich an alles. Nach einer Krankheit, einem Unfall, einer Haiattacke oder einer Kriegsverletzung, ist es menschlich, sich mit der Situation zu arrangieren. Jemand fasst neuen Mut und macht einfach weiter, als wäre nichts passiert. Es gibt Dinge auf diesem Planeten, die ein Mensch nicht kontrollieren oder ändern kann. Das heißt nicht, dass Verstümmelungen gut sind.

Eine weitere Definition: „Jemanden oder sich selbst verletzen, indem man Teile des Körpers (z. B. einen Arm, eine Hand) abtrennt.“

Eine Verstümmelung ist immer eine Verletzung. Es kommt nicht darauf an, wie man es bewertet, was die Ursache oder der Grund dafür ist. Egal, ob es erlaubt ist oder nicht. Es ist eine Verletzung. Und es sollte nicht alles erlaubt sein. Die Menschheit muss  endlich lernen, dass man nicht alle Probleme durch Chirurgie lösen kann.

Wenn es unfreiwillig ist, dann ist es Gewalt. Selbst wenn Ärzte es machen. Jemanden nicht ausreichend über die Folgen eines Eingriffs aufzuklären, ist Gewalt. Passiert es mit Kindern, ist es Kindesmisshandlung. Sind Genitalien betroffen, ist es sexualisierte Gewalt. Es gibt es keine harmlosen Formen, ein Kind zu verstümmeln. Es ist egal, ob es männliche oder weibliche Genitalien sind. Es ist auch egal, ob viel oder wenig verletzt wird. Eine Verletzung bleibt eine Verletzung. Es ist auch egal, ob es sich um eine gut gemeinte Geschlechtsangleichung handelt. Es ist egal, ob Ärzte es machen oder garstige Frauen mit Rasierklingen.

Es ist egal, ob das Kind zugestimmt hat. Selbst Erwachsene können die Tragweite dessen, was sie ihrem Körper antun, nicht einschätzen. Kinder sind nicht das Eigentum ihrer Eltern. Kinder sind keine Sache. Eine Verstümmelung gesunder Genitalien ist niemals gerechtfertigt. Weder aus kulturellen, religiösen noch angeblich medizinischen Gründen. Es spielt auch keine Rolle, wie alt das Kind ist. Es ist eine Lüge, dass Säuglinge keinen Schmerz fühlen. Ärzte haben auch keine Schweigepflicht, wenn es um Verstümmelung geht. Sie dürfen dann Anzeige bei der Polizei erstatten. Aber warum passiert das eigentlich nie?

Ist die Fähigkeit zur Empathie in unserer Gesellschaft durch Sadisten zerstört worden? Zählt Toleranz mehr, als Mitgefühl und Gesundheit? Glauben wir unethischen Chirurgen und Beschneidern mehr, als  dem gesunden Menschenverstand?