Krebs – der größte Zufall

Foto von andy, http://absfreepic.com/

Als ich Krebs bekam, fühlte ich mich in erster Linie betrogen, bin ich doch seit 1992 Vegetarierin, ein Leben lang Nichtraucherin und nach meiner Jugend Abstinenzlerin. Allerdings denke ich dadurch intensiver darüber nach, was ich an meinem Lebensstil noch verbessern könnte. Und über die Dinge, die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Dann sagte jemand: „Krebs ist Zufall!“ und ich fühlte mich erst recht betrogen.

Gefährliches Halbwissen

“Krebs ist Zufall”. Dieser Satz gehört meiner Meinung nach zum gefährlichen Halbwissen, wenn nicht sogar zu den größten Fakenews dieses Jahrhunderts. Das ist einer dieser Sätze, der immer wieder gesagt, aber über den eigentlich nicht wirklich nachgedacht wird. Wie entsteht so etwas? Wie kam es dazu und was steckt dahinter?

Gefährliches Halbwissen kann auch (oder gerade?) aus einer wissenschaftlichen Studie heraus geboren werden. Nämlich dann, wenn diese falsch verstanden, überhaupt nicht verstanden, schlecht erklärt und zusätzlich noch falsch interpretiert, visualisiert und zitiert wird. So war es auch in diesem Fall.

Die Veröffentlichung der missverstandenen Studie in der Zeitschrift Science erfolgte schon im Jahr 2015 unter dem Namen “Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions” oder übersetzt: “Die Variation des Krebsrisikos zwischen Geweben kann durch die Anzahl der Stammzellteilungen erklärt werden”.

Der Krebsforscher Bert Vogelstein und der Statistiker Cristian Tomasetti fanden offenbar heraus, dass sich 65 % der Unterschiede des Krebsrisikos zwischen verschiedenen Geweben durch die Gesamtzahl der Stammzellteilungen erklären lässt, die in diesen Geweben stattfinden.

Ein Zitat aus dem Text (übersetzt):

“(…) Diese Ergebnisse legen nahe, dass nur ein Drittel der Schwankungen des Krebsrisikos zwischen den Geweben auf Umweltfaktoren oder vererbte Prädispositionen zurückzuführen ist. In der Mehrheit ist es Pech. (…)”

Was daraus gemacht wurde, kann man heute ab und zu lesen, meistens aber hören: “Krebs ist zu 2/3 Zufall!”

Die Leute, die das sagen, haben das vermutlich vorher schon gesagt und auch geglaubt. Doch diese Studie war kein Beweis dafür, dass diese Aussage stimmt. Zum einen haben die Forscher das nicht gemeint, zum anderen war die Studie nicht so aufgebaut. So wurden viele sehr häufige Krebsarten gar nicht berücksichtigt. Auch bezieht sich die Studie nur auf das Risiko für die Bevölkerung der USA.

Der Irrtum entstand auch, weil zeitgleich ein Artikel auf Science veröffentlich wurde, der “The bad luck of cancer” hieß, in dem die Autorin die Ergebnisse der Studie vermutlich als erste Person missinterpretierte und den folgenden falschen Satz schrieb:

Übersetzung des Originals: “(…) Als Tomasetti die Zahlen zusammenzählte und mit (…) Krebsstatistiken verglich, schloss er daraus, dass diese Theorie zwei Drittel aller Krebserkrankungen erklärt. (…)”

Nach der Veröffentlichung gab es viel Kritik, weil der Eindruck entstanden war, dass Prävention überhaupt keinen Sinn mehr machte. Besonders die Weltgesundheitsorganisation (WHO) protestierte in einer Pressemeldung:

“(…) Die meisten Krebsarten sind nicht Pech! (…)”

Weiter heißt es in der Pressemeldung der WHO, dass es seit langem klar war, dass die Anzahl der Zellteilungen das Mutationsrisiko erhöht. Die Mehrheit der weltweit am häufigsten vorkommenden Krebserkrankungen sei aber stark von Umwelt- und Lebensstilfaktoren abhänging. Daher könnten die meisten dieser Krebsarten vermieden werden. Die WHO geht sogar soweit zu behaupten:

“(…) based on current knowledge, nearly half of all cancer cases worldwide can be prevented. (…)”

also übersetzt:

“(…) Nach heutigem Kenntnisstand kann nahezu die Hälfte aller Krebsfälle weltweit verhindert werden. (…)”

Keine Schuld – kein Einfluss

Doch in den Gehirnen der Menschen und besonders der Journalisten blieb die einfache, falsche Version hängen. Warum stürzen Menschen sich immer so gierig auf die Fakenews? Weil Fakenews Bedürfnisse erfüllen und mit Sehnsüchten arbeiten. Absichtlich oder unabsichtlich. In diesem Fall unabsichtlich.

Das ist so verlockend, weil niemand mehr Schuld ist, wenn Krebs überwiegend Zufall ist. Weder Politiker, die immerzu die Grenzwerte nach oben setzen, damit die Wirtschaft weiter floriert, noch Hersteller umweltschädlicher und gesundheitsschädlicher Produkte, noch Einzelpersonen mit ihren schlechten Angewohnheiten. Und schon pusten wir weiter das Gift in unsere Umwelt, verarbeiten wir es weiter in unseren Produkten des täglichen Lebens, ja sogar in unserer Nahrung, Kleidung, Medizin und Hygieneartikeln. Und hör bloß nicht auf zu Rauchen, denn: Krebs ist Zufall. Prävention ist Quatsch, nur ein Marketingtrick.

Nach dieser Art von Absolution haben die Menschen verlangt. Wer Krebs bekommt, muss sich also keine Gedanken mehr darüber machen, was in seinem oder ihrem Leben alles falsch gelaufen ist. Niemanden trifft irgendeine Form der Schuld! Kein persönliches Versagen ist der Grund, denn Krebs könnte nur Zufall sein. Zum Glück, oder?

Aber Moment mal, bedeutet das nicht auch, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme, soll heißen der Prävention verschwinden? Weniger Schuld = weniger Eigenverantwortung. Weniger Möglichkeiten der Prävention heißt weniger Hoffnung und mehr Hilflosigkeit!

Und letztendlich bedeutet Schuldlosigkeit durch Zufall doch auch mehr Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber Umweltproblemen und globalen, menschengemachten Risikofaktoren. Kann sich das wirklich irgendjemand guten Gewissens wünschen? Ich glaube nicht.

Bevor ich auf die Möglichkeit der Einflussnahme gänzlich verzichte, beschäftige ich mich lieber ganz intensiv mit meiner eigenen “Schuld”, die man in diesem Zusammenhang auch Verantwortung nennen könnte. Und mit Vergnügen wende ich mich auch der Schuld von anderen zu, zum Beispiel der von trägen Politikern und geldgeilen Lobbyisten.

Kanzerogene sind kein Zufall

Krebsforscher können (noch) nicht sicher vorhersagen, welcher Mensch mit welchen schlechten Angewohnheiten oder Risiken mit Sicherheit Krebs bekommen wird. So mancher Raucher stirbt an Herzinfarkt, bevor er Lungenkrebs entwickeln kann.

Heute weiß man aber von vielen Stoffen, Erregern und Gewohnheiten sehr genau, dass sie krebserregend sind. Manchmal sogar (siehe Liste im Link), welche Krebsarten dadurch begünstigt werden. Und die Liste wird ständig erweitert. Die internationale Agentur für Forschung an Krebs (IARC), bringt solche Listen heraus und aktualisiert sie ständig.

Ich habe mir die Listen der IARC angesehen und gezählt, an wievielen Körperteilen bestimmte Substanzen Krebs auslösen können bzw. welche Substanzen die meisten Krebsarten auslösen können.

Rauchen bzw. Tabak wird in dieser Liste gleich achtzehn mal genannt und ist somit am gefährlichsten. Dank Passivrauchen ist davor niemand sicher, kein Kind und kein Tier.

Tabak kann also an 18 Stellen des Körpers Krebs auslösen: Mundhöhle, Rachen, Nasenrachen, Nasenhöhle, Speiseröhre, Magen, Darm und Po, Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse, Nase, Nasennebenhöhle, Kehlkopf, Lunge, Gebärmutterhals, Eierstöcke, Nieren, Nierenbecken, Harnblase, Blut und Lymphe.

Danach kommt Radioaktivität in Form von Röntgenstrahlen und Gammastrahlen (14 Nennungen). Dabei ist zu beachten, dass Tabak ja auch radioaktive Substanzen enthält, weil die Tabakpflanze diese Elemente sehr gut aus der Umgebung herausfiltert und einlagert. Thorium-232, Plutonium, Radium-226 und -228 sind auf der Liste noch mal extra aufgeführt. Auch alkoholische Getränke und HPV werden als Krebsauslöser in der Liste sehr häufig genannt.

14 x genannt = X-Strahlung und Gamma-Strahlung

9 x genannt = Alkoholoische Getränke

8 x genannt = HPV type 16 u.a.

5 x genannt = Radium, Kohle. HIV type 1

4 x genannt = Hormontherapie in der Menopause, Asbest, Gummiherstellung

3 x genannt = Betelnüsse kauen mit und ohne Tabak, Tabak kauen, Hormonelle Verhütungsmittel, Thorium-232, Arsen, Farbe, Cyclosporin (Transplantations-Medikament), Diethylstillbestrol (künstliches Östrogen)

Wer diese Liste aufmerksam studiert, der wird den Gedanken nicht los, dass Krebs ganz und gar kein Zufall ist.

Die wahren Ursachen von Krebs sind:

1. Profit wird über Gesundheit gestellt

2. Wirtschaftswachstum wird über Umweltschutz gestellt

Viel eher scheint das Konzept des Zufalls auf die Heilung von Krebs zuzutreffen. Aber das ist mir einen eigenen Artikel wert.

 

Links zu dem Thema:

IARC: Eine Liste nach Krebsarten bzw. Organen geordnet

Science: Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions

Science: The bad luck of cancer

Zellstoff: Ursache von Krebs: Wirklich 65 % Zufall?

WHO: Most types of cancer not due to “bad luck”