Zwangstherapie

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Die Patientin sitzt frustriert, nervös und ängstlich auf ihrem bequemen Chemo-Sessel. Alle sind unglaublich freundlich zu ihr, fragen ständig, wie es ihr geht, ob sie Nebenwirkungen spürt, während das rote Zeug in ihre Venen fließt. Ein merkwürdiges Kratzen im Hals, wie bei einer Allergie, mehr nicht. Triggerwarnung: Dieser Text ist ein einziger, großer Trigger und es geht nicht um Zwangsimpfungen.

Fragen sie ihren Arzt oder Apotheker

Doch es wird nicht dabei bleiben, erklärten die Ärzte ihr beim Aufklärungsgespräch. Sie versteht, dass es eine Art Lotterie ist, welche Nebenwirkungen sie bekommt und welche nicht.

„Die meisten Patienten können es sehr gut vertragen“, sagen sie ihr. Sie fragt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, einen Zweitkrebs zu bekommen. „Es kann vorkommen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich“, so oder so ähnlich lautet die Antwort, und: „Machen sie sich keine Sorgen, alles geht gut! Man muss auch daran glauben. Eine positive Einstellung ist sehr wichtig.“

Später macht sie eine Liste: Ekzeme an der Haut und den Schleimhäuten, besonders schmerzhaft im Mund, Schmerzen an den Gelenken, Entzündungen der Gedärme, Durchfall, Haarausfall, Seh- und Geschmacksstörungen. Das wird sie alles noch bekommen. Und eine ganze Menge mehr Allergien.

Ihre Chemo-Ärztin hält immer eine Spritze neben dem Platz für jeden Patienten auf einem Tablett bereit. Zweimal wird die Patientin es in den nächsten Monaten während der Chemotherapie miterleben, dass diese Spritze zum Einsatz kommt. Einmal vermutlich wegen eines allergischen Schocks und einmal, weil einer älteren Dame durch ein Ödem der Kopf anschwillt.

Kein Zuckerschlecken, sondern Krieg

Es ist kein Zuckerschlecken, das ist allen klar. Aber den meisten Leuten ist nicht klar, wie sehr es KEIN Zuckerschlecken ist. Auch ihr war das nie klar. Nun, auf dem Chemo-Sessel sitzend, ahnt sie es. Bis jetzt ist es nur ein Kribbeln. Alle sind erleichtert, außer ihr.

Pures Gift fließt in sie hinein, während sie liest, schläft oder Musik hört. Eines der Chemo-Mittel ist ein Abkömmling von Senfgas. Man befindet sich offenbar in einem Krieg.

Es ist der Krieg gegen den Krebs. Und die Gesundheit der Patienten ist der Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird. Eine Garantie für Heilung gibt es nicht. Jeder Arzt, der ihr das verspricht, entlarvt sich selbst als Lügner.

Die Patientin hat früher auch gedacht, dass es eine einfache Gleichung ist. Patient geht ins Krankenhaus + Krankenhaus macht Therapie = Patient gesund. Aber das ist nicht die Wahrheit. Und der Weg, den sie jetzt gehen muss, wird ihr das deutlich machen.

Nichts für Medikamenten-Sensitive

Nach der Chemositzung, die einige Stunden dauern kann, muss die Patientin Cortison und drei Pillen gegen Übelkeit einnehmen. Sie hasst Cortison, dabei ist es doch dass Allheilmittel der Ärzte. Sie bekam davon schon Übergewicht, eine verstopfte Nase und Ekzeme.

Sie hasst es, so viele Medikamente nehmen zu müssen, denn sie hat öfter Nebenwirkungen, als andere Menschen. Manche Ärzte tendieren dazu, ihr das nicht zu glauben.

Würden mehr Menschen offener über ihre Nebenwirkungen sprechen, hätte sie es vielleicht leichter gehabt. Aber die meisten glauben, sie müssen es aushalten.

Ohne diese Begleitmedikamente ist eine Krebstherapie viel zu gefährlich. Sie ist sich bewusst, dass sie nun in tausend saure Äpfel beißen muss. Und alle Äpfel sind vergiftet.

Das war erst der Anfang

Sie will kämpfen, aber gerade jetzt fühlt sie sich unglaublich müde und überfordert. Sie weiß nicht, was alles mit ihr passieren wird.

Die vielen Voruntersuchungen, das hin- und herfahren, an- und ausziehen, betastet und durchleuchtet werden, Tausende Nadelstiche, stundenlanges warten.

Dann Ultraschall, Mammografie, Knochenszintigrafie, radioaktive Markierungen, Wächterlymphknoten-OP und das Einsetzen des Ports, das alles hat ihr schon gereicht. Doch das war nur der Anfang.

Woher kommt der verdammte Krebs?

Sie weiß nicht, ob sie leben wird. Oder wie lange. Sie überlegt, woher der Krebs kommen kann. Man findet es nie heraus, denn unsere Welt ist voller Kanzerogene. Dagegen kämpft niemand.

Raucher können die Tabakkonzerne verklagen. Wer in der chemischen Industrie arbeitet, kann vielleicht auch eine Art Schmerzensgeld dabei herausschlagen. Dann ist die Ursache klar. Immerhin, denkt sie.

Aber nützt das Geld etwas, wenn man stirbt? Sie überlegt, was Geld noch wert ist, wenn der Körper nie wieder so sein wird, wie er war. Wenn man niemals wieder ganz gesund wird.

Gesundheit kann man sich nicht kaufen, aber mit Krankheiten Geld verdienen, das geht anscheinend ganz gut, lernt sie.

Gegen den Krebs wird mit allen Mitteln gekämpft, jedoch nicht gegen die Ursachen. Und das findet sie bis heute unerträglich. Da können diese Chemo-Sessel noch so bequem sein.

Ablehnung und Zustimmung

Sie hat den Ärzten Briefe geschrieben, weil sie es schwer fand, mit ihnen direkt zu reden. Sie war immer so nervös, dass sie alles vergaß. In ihren Briefen lehnt sie diesen Teil der Therapie ab. Das rote Zeug, Epirubicin, will sie nicht nehmen. „Lesen sie nicht so viel“, sagt man ihr dann und „man darf nicht alles glauben, was man im Internet liest.“

Sie weiß das alles. Aber die Beipackzettel der Medikamente findet sie auch im Internet. Epirubicin und Cyclophosphamid, ein Abkömmling von Senfgas. Beide Medikamente können Krebs auslösen. Sie will das alles nicht noch einmal durchmachen müssen. Das müsste jeder verstehen können, oder?

Und doch sitzt sie nun hier und beides fließt nacheinander in sie hinein. Tropfen für Tropfen. Sie hat unterschrieben, dass sie einverstanden ist. Und doch ist sie es nicht. Sie hatte einfach keine andere Wahl. Oder hatte sie?

Zwischen den Zeilen

Der Satz, den der Chefarzt vor der Therapie zu ihr sagte, ging ungefähr so: „Wir sind ein zertifiziertes Brustzentrum, darum können wir nur nach Leitlinie vorgehen. Die beiden Medikamente sind wichtige Teile der Therapie, die wir nicht weglassen können, sonst wird der Erfolg nicht wie erwartet sein. Wir haben darüber diskutiert, waren uns aber einig, dass wir das nicht machen können. Sie können sich gerne eine Zweitmeinung holen oder sich woanders behandeln lassen. Das Recht haben sie. Warten sie aber nicht zu lange, denn sonst müssen alle Voruntersuchungen wiederholt werden, da sie sonst nicht mehr aussagekräftig sind. Vertrauen sie bitte unserer Erfahrung.“

Was sie verstand, war: „Wenn wir das machen, können wir unseren Status als zertifiziertes Brustzentrum verlieren. Wir Ärzte waren uns alle einig und das zählt mehr, als ihr Einverständnis oder Wohlgefühl, denn wir sind Ärzte und wir wissen besser, was gut für sie ist. Sie werden sterben, wenn wir davon abweichen und daran wollen wir nicht Schuld sein. Gehen sie doch lieber woanders hin, wir wollen hier solche Patienten wie sie nicht. Das ist uns zu stressig. Wir behandeln so viele Patienten, die sich nie beschweren, warum können sie nicht genauso sein und endlich die Klappe halten?“

Ist sie die Einzige, die sich über die Nebenwirkungen woanders informiert? Sie weiß noch von einer anderen Frau, die weggeschickt worden war. Warum, weiß sie nicht. Sie weiß nur, dass die Frau irgendwann zurückkam, genau wie sie auch wieder zurückgekommen war.

Die Leitlinie ist ein mächtiges Ding, gegen das sie als Patientin nicht ankommen kann. Echte Zweitmeinungen gibt es nicht, die Suche danach ist sinnlos und kostspielig. Und das kann sie sich nicht leisten.

Sinn und Unsinn

Epirubicin ist ein Kanzerogen, kann aber auch das Herz schädigen. Auch nach Jahren noch. Sie fragt sich, wie regelmäßige Untersuchungen dagegen helfen sollen. Es war wieder eine Lotterie mit Nebenwirkungen, welche die Ärzte auf Kosten ihrer Gesundheit veranstalteten.

Auch Herzeptin ist nicht harmlos, sondern potentiell herzschädigend. Es ist um ein Vielfaches gefährlicher, wenn man es zusammen mit Taxanen oder Antrazyklinen bekommt.  Darauf weisen die Hersteller deutlich hin. 

Trotzdem war das die Standardtherapie bei Her2+ Brustkrebs. Sie fragte sich, ob es wirklich einen Unterschied macht, in welcher Reihenfolge man es bekam, wenn in der Herstellerinformation davon die Rede ist, dass die Gefährlichkeit bestehen bleibt, selbst wenn die Patientin auch nur irgendwann in ihrem Leben mal die betreffenden Antrazykline bekommen hat, wie eine Ärztin ihr erklären will.

Die Gifte bleiben mehrere Jahre im Körper. Wie andere Medikamente auch, werden sie zum Beispiel im Fettgewebe gespeichert und können so nach vielen Jahren noch Nebenwirkungen auslösen. Das hatte sie vorher gelesen und hinterher wusste sie dann, dass es stimmt.

Viele Dinge verstand sie nicht, denn viele Dingen waren unlogisch. Sie fühlte sich gerade unglaublich dumm und hilflos. Was stimmte mit ihr eigentlich nicht, dass sie das alles hier nicht genauso durchstehen konnte, wie alle anderen, ohne sich ständig zu beschweren?

Angst, die eigentliche Krankheit

Sogar die Frauen aus der Facebookgruppe neigten dazu, die Patientin für ihre Ansichten anzugreifen. Denn das Thema löste Angst aus. Und Angst ist eine ansteckende Krankheit, selbst wenn die Gründe, aus denen man Angst hat, stimmten.

Niemand will Angst haben. Es ist kein gutes Gefühl. Man verwendete sie nur, um die Therapie zu schaffen, indem man Angst vor dem Krebs generiert, als ob das nötig gewesen wäre. Aber es wurde gemacht. Dadurch erschien die Therapie als Segen, egal wie schlimm alles war. Doch die Angst vor der Therapie, da sind sich alle einig, die ist kontraproduktiv.

Sie konnte es einfach nicht nachvollziehen, wie so viele Ärzte und Patienten sich über so viele Jahrzehnte hinweg ständig kollektiv selbst belogen, um eine unmoderne, schlechte Therapie zu rechtfertigen, die viel mehr kaputt macht, als sie rettet.

Die Therapie mit Kanzerogenen

Die Angst vor dem Krebs, da war sie sich inzwischen sicher, war genauso kontraproduktiv, denn sie brachte ganz normale Menschen dazu, etwas zu akzeptieren, was nicht akzeptabel war.

Sie begriff, dass sich die Therapie in den nächsten Jahrhunderten nicht viel verbessern würde, denn niemand arbeitete daran. Die Patienten neigten zur Verdrängung und zum schweigenden Mitmachen. Die Ärzte sorgten dafür, dass die Patienten mehr Angst vor dem Krebs, als vor der Therapie bekamen. Sie sahen das als ihre Aufgabe an.

Krebs-Therapien würden kommen und gehen, aber die Nebenwirkungen würden immer potenziell tödlich sein. Denn, wie einer der Ärzte ihr sagte: „Ohne Nebenwirkung keine Wirkung!“

Dumme Sprüche als Gewaltform

Das war noch lange nicht der dümmste Spruch, den sie sich während der Therapie anhören musste. Ganz am Anfang ihrer Therapie wurde eine Frau von einer Gruppe alternder Ärzte ausgelacht, weil sie gefragt hatte, ob ihre Brust brusterhaltend operiert werden könne.

Gemeinsam riefen sie: “Amputieren, amputieren!”

Diese Situation würde die Patientin niemals im Leben wieder vergessen. Einige andere Patientinnen saßen drum herum und bekamen alles mit. Ob sich danach noch eine von ihnen traute, diese Frage zu stellen? 

Und bei ihrem nächsten Krebs, ca. 2 Jahre später, bot einer der Ärzte ihr bei einer gynäkologischen Untersuchung sogar eine Art Genitalverstümmelung an, weil sie gesagt hatte, dass seine Untersuchung ihr wehtat. Er sagte „das können wir dann später alles mit wegoperieren!“

Sie brüllte ihn wahrscheinlich an. Am liebsten wäre sie einfach gegangen. Doch sie war krank und sie wusste, dass sie der Krankheit nicht davon rennen konnte. Also ertrug sie wieder alles, als wäre sie ein extra dafür gezüchteter Krankenhauszombie.

Einfühlungsvermögen

Aber erst musste sie den Brustkrebs und die dazugehörige Standardtherapie irgendwie überleben.

Sie biss die Zähne zusammen und bildete sich ein, dass die erhöhte Aufmerksamkeit, die ihr die Ärzte manchmal entgegenbrachten, echtes Interesse war. Doch das war es nicht. Es war anstrengende, professionelle und gespielte, unehrliche Freundlichkeit. Und irgendwo in ihrem Unterbewusstsein wusste die Patientin das auch.

Sie hatte Einfühlungsvermögen und konnte sich vorstellen, wie es war, diese Arbeit zu machen. Stressig. Ständig unter Zeitdruck. Ständig Tausende Symptome im Kopf zu haben und zu wissen, wie man darauf reagieren soll.

Der Zwang, eine bestimmte Anzahl dieser oder jener Operationen zu liefern, unabhängig davon, ob gerade genügend passende Patientinnen dafür da waren.

Ständig die hohe Verantwortung auf den Schultern lastend. Den Tod immer vor Augen und die Krankenkasse im Nacken. Wenig Urlaub, viele Überstunden.

Aber konnten die Ärzte sich vorstellen, wie es ihnen gehen würde, hier zu sitzen und Gift eingeflößt zu bekommen und sich dumme Sprüche anhören zu müssen?

Die Patientin fing an, viel zu reden, erzählte jedem alles. Sie sah, wie die Leute ihr mit leerem Blick zuhörten. Sie hörten nicht wirklich zu.

Niemand hört sich gern Gejammer und Wehklagen an. Oder die Kritik an einer Therapie, die niemand ändern kann. Oder nicht ändern will.

Kämpfen bei jedem Schritt

Sie gab sich aber nicht ganz auf, sie kämpfte, was immer schwerer wurde, um jeden Zentimeter ihrer Therapie. Alles, was sie beeinflussen konnte, beeinflusste sie auch. Es war nicht viel.

Sie trank viel Heilpflanzen-Tee. Es wurden ihr nur die Wächterlymphknoten entfernt. Sie verweigerte MRT und CT, weil sie empfindlich auf das Kontrastmittel reagiert hatte.

Ganz am Ende ließ sie es dann einmal zu, weil sie ihre eigenen Erinnerungen inzwischen anzweifelte und es ihr besser erschien, als eine Darmspiegelung zu machen.

Sie aß besonders gesund, vermied Süßigkeiten und Kuchen weitestgehend. Sie stellte bei jeder Besprechung und jeder Untersuchung Fragen.

Sie legte sich einen Ordner mit ihren Unterlagen an, holte drei verschiedene Zweitmeinungen ein, ging für die Amputation ihrer Brust in eine andere Klinik, entschied sich gegen die Bestrahlungen und machte die Reha erst, als sie sich stark genug dafür fühlte.

Ein chaotischer Haufen

Sie machte die bittere Erfahrung, dass die Ärzte sich oftmals selbst nicht an die eigenen Regeln hielten. Sie sagten einmal so und taten dann später doch wieder das Gegenteil. Natürlich wichen sie ab und zu von ihrer Leitlinie ab, aber nur, wenn es ihnen in den Kram passte.

Und zwar, um ihren eigenen Willen durchzusetzen, nicht etwa, um den Patienten individuell oder besser zu behandeln. Und auch die Leitlinie schien nur dahingehend geändert zu werden, um zu rechtfertigen, was Ärzte ohnehin schon taten. Leitlinien in der Krebstherapie sind zu einer Art Rechtfertigungspapier verkommen, fand sie.

Sie wunderte sich, dass manche männliche Gynäkologen nicht wirklich viel über einige natürlichen Vorgänge im weiblichen Körper wussten und dazu neigten, diese sehr schnell als Symptom von Krankheiten zu interpretieren.

Sie wusste davon, dass es eine lange Tradition dafür gab, das männliche Ärzte sich Krankheiten für natürliche Vorgänge ausdachten, besonders wenn sie Frauen behandelten. In früheren Zeiten gipfelte dies zum Beispiel in Genitalverstümmelungen.

Zusätzlich sagte auch noch jeder Arzt etwas anderes. Aber sie war dankbar, dass sie diese unterschiedlichen Meinungen überhaupt zu Ohren bekam und nicht immerzu nur angelogen wurde. So hatte sie wenigstens die Illusion, selbst entscheiden zu können und über alles informiert zu werden.

Die Patientin verstand, dass es den Ärzten vor der Therapie nur darum ging, potenzielle Patienten zur Therapie zu bewegen. Natürlich, um ihnen das Leben zu retten, wofür es aber keine Garantie gab. Doch mit dem, was die Therapie angerichtet hatte, beschäftigte sich dann meistens niemand, außer die Patientin.

Warten auf den nächsten Krebs

Ihr wurde bewusst, dass Nachsorgetermine nur einem Zweck dienten: darauf zu warten, dass der Krebs wiederkommt. Krebsärzte warten auf Krebs, denn das ist ihr Beruf. Das war ja sogar logisch.

Sie fragte sich, ob diese Ärzte sich manchmal unbewusst den nächsten Krebs regelrecht herbeisehnten und wie empfänglich die geschändeten Körper der Patientinnen dann für solche unterschwelligen Signale waren.

Nach ca. zwei Jahren bekam sie massive Probleme und ging mit einem Eierstockabszess freiwillig wieder ins Krankenhaus. Es wurden resistente Krankenhauskeime festgestellt.

Sie kämpfte inzwischen ihren eigenen Kampf und der Krebs war in diesem Kampf nur noch ein Nebendarsteller. Es war der Kampf um Selbstbestimmung.

Sie weigerte sich, den Ärzten einen Freifahrtschein zu geben, während sie narkotisiert war, denn sie glaubte, in ihren Gesichtern zu sehen, wie sie begierig darauf hofften, einen weiteren Krebs zu finden. Und sie hatte noch die Aussage des Arztes im Kopf, der ihr eine Genitalverstümmelung angeboten hatte. Was würde alles mit ihr gemacht werden, wenn sie narkotisiert war?

Der betroffene Eierstock und die riesige Zyste wurden per Laparoskopie entfernt. Würde Krebs gefunden werden, würde man sich zusammen setzen und über alles weitere reden. Teile und herrsche, so war es abgemacht. So konnte sie es ertragen.

Abgeschnitten, nicht geheilt

Die Entfremdung, die sie zuvor mit ihrem Oberkörper durchgemacht hatte, fand nun an ihrem Unterkörper statt. Trotz der angebotenen Genitalverstümmelung, musste sie sich operieren lassen, denn die Zyste drückte alles zusammen.

Die Ärzte fanden Krebs. Natürlich taten sie das. Sie wurde kurz wach gemacht und gefragt, ob man jetzt nicht doch die Standardtherapie bei Eierstockkrebs machen sollte. Die war noch viel schlimmer, als die Standardtherapie bei Brustkrebs.

Sie wollten sie gerne der Länge nach aufschneiden und alles rausholen: Gebärmutter, beide Eierstöcke, vielleicht auch den Gebärmutterhals, das Bauchfell und vielleicht sogar ihre Milz. Das käme darauf an, was sie finden würden.

Sie bemerkte, wie sie sich widersprachen. Daran war sie nun schon fast gewöhnt. Einerseits würden sie nur befallene Stellen herausnehmen, andererseits wussten sie erst, dass etwas befallen war, wenn sie es herausgenommen und histologisch untersucht hatten.

Es lief also darauf hinaus, dass sie alles herausnehmen wollten, was bei der Standardtherapie herausgenommen werden würde. Ein Wortspiel? Ein Versuch, sie zu überlisten? Es ging um einen total gefährlichen Krebs und winzig kleine Zellen, die man nicht sehen konnte.

Sie fragte sich, ob es denn einen Krebs gibt, der nicht gefährlich ist. Dann fragte sie die Ärzte, warum denn die erste Chemo diese kleinen Zellen nicht schon abgetötet hätte, denn genau das sollten diese Chemotherapeutika ja tun, indem sie die Zellteilung störten. Sie antworteten ihr, dass seien für den neuen Krebs nicht die passenden Chemotherapeutika gewesen.

Je mehr sie redeten, desto weniger glaubte sie ihnen. Es blieb dann bei dem, was sie zuvor abgemacht hatten. Sie wollte erst eine Besprechung, bevor weiter operiert wurde.

Weils so schön war, gleich noch mal

Bei der Besprechung sagten die Ärzte ihr noch einmal klar und deutlich, was für ein gefährlicher Krebs das sei und dass sie ohne die Therapie sterben würde. Sie fragte sich, warum es dann eigentlich nicht schon lange eine bessere Therapie gab.

Aber dieser Krebs betraf nur Frauen und kam nicht so oft vor, darum kümmerte man sich wohl nicht darum. Und auch, wenn der Krebs an den Eierstöcken fast identisch mit dem an der Bauchspeicheldrüse war, wurden die Therapieoptionen nicht übertragen.

Für den Krebs an der Bauchspeicheldrüse gab es nämlich schon etliche Studien, welche die Wirkung einer bestimmten Pflanze mit Erfolg untersuchten. Doch sie war eine Frau und darum galt für sie die Total-Operation als Standardtherapie.

Die ganze Sache kam ihr mehr und mehr verlogen vor. Und etwas frauenfeindlich war das auch. Sie boten ihr eine zweite Chemotherapie mit einer Platinverbindung und Paclitaxel an, denn das sei bei dieser Krebsart Standard.

Paclitaxel war ein Medikament, was man jede Woche eingeflöst bekam, weil es sonst nicht gut wirkte. Das hatte die Ärztin ihr bei ihrer ersten Krebstherapie erklärt. Diesmal aber wollten sie Paclitaxel alle drei Wochen geben. Plötzlich war es in Ordnung. Sie verstand gar nichts mehr. 

Sie fragte sich, was mit der individuellen Therapie passiert war, worüber früher alle geredet hatten. Und sie fragte sich, welche Auswirkungen zwei Chemotherapien mit so giftigen Mitteln so kurz hintereinander auf ihren Körper haben würden.

„Nach zwei Jahren kann man das wieder machen“, war die Antwort.

Sie hätte ja Zeit gehabt, sich zu erholen, und sähe auch ganz gut aus. Damit wollten die Ärzte sie motivieren, das war ihr sehr wohl bewusst. Es funktionierte aber nicht.

Die Patientin erinnerte sich an eine Cousine, die an Krebs gestorben war. Sie hatte ihr damals gesagt: „Las dir bloß nicht Carboplatin andrehen, das hat so viel bei mir kaputtgemacht.“

Sie hatte es ihr versprochen. Davon erzählte sie den Ärzten und erwähnte nebenbei auch, dass sie immer noch Nebenwirkungen von der letzten Chemo hätte, auch wenn man das ihr nicht ansehen würde.

Die Ärzte versuchten zu beschwichtigen. Es gäbe ja auch noch Cisplatin, das hätte viel weniger Nebenwirkungen, als Carboplatin. Sie nahm sich vor, sich das im Internet mal genau durchzulesen. Sie fand heraus, dass es beides auch bekannte Kanzerogene sind.

Kanzerogene lösen Krebs aus

Nebenbei wurde ihr gesagt, dass dieser neue Krebs häufiger als Zweitkrebs auftrat „bei der Kombination der Medikamente, die sie bei ihrer Brustkrebstherapie bekommen“ hätte.

Die Medikamente also, bei denen sie von Anfang an das Gefühl gehabt hatte, sie müsste sie verweigern, zu denen sie den Ärzten Briefe geschrieben hatte. Die Ärzte ließen aber eine Verweigerung nicht zu, weil es keine Leitlinie dazu gab.

Es war keine Metastase, freuten sich alle, sondern nur ein Zweitkrebs. Juhu! Wahrscheinlich durch die Therapie. Das sei in der Tat sehr gut, so der Arzt, denn dann könne man ihr noch einmal eine komplette Chemo geben und keine mildere Therapie, wie man es palliativ macht, bei Metastasen, wenn man weiß, dass die Leute ohnehin (irgendwann) sterben.

Sie war froh, dass sie vorerst nicht sterben würde, und wollte, dass es auch so bleibt. Die Patientin fand es aber schwer, sich darüber genauso zu freuen, wie die Ärzte. Noch eine Chemo? So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Man versicherte ihr, sie könne noch eine Chemo vertragen, denn sie sei jung genug und hätte bisher ja alles so gut vertragen.

Doch diesmal sagte sie „Nein“ zu allem. Und das ist nicht mal die halbe Geschichte.

Übergang zur Selbsttherapie

Sie fing an, selbst zu recherchieren, und fand einige pflanzliche Präparate, die helfen könnten. Es gab dazu sogar Studien, trotzdem spielten diese Präparate in der Krebstherapie keine Rolle. Sie würde diese Präparate nun ein Leben lang nehmen. Es war ihre einzige Chance, diesem Krebswahnsinn zu entkommen. 

Dass die Therapie sich so wenig in ihren Grundzügen veränderte und Onkologen immer noch mit Senfgas- Abkömmlingen, Kanzerogenen und Bestrahlung hantierten, das lag auch daran, dass es für die von der Diagnose schon geschockten Patientinnen  schwer war, die Kraft aufzubringen, sich gegen die Meinung so vieler Ärzte zu entscheiden.

Ärzte stellen eine mächtige Gruppe da. Ihr höchstes Gesetz ist die Leitlinie, die sie sich so hinschreiben können, wie sie es brauchen. Und jeder Patient ist allein für sich und dem sozialen Druck der restlichen, sogenannten „gesunden“ Gesellschaft ausgesetzt, die nicht weiß, was eine Krebstherapie überhaupt ist.

Und Patienten, die weggehen und Alternativen suchen, werden oft verspottet und landen in der Zeitung, wenn sie sterben. Die öffentliche Meinung ist wie ein moderner Pranger für die  Krebstherapie-Verweigerer .

Das Präparat auf zwei Beinen

Ohne genügende Körper, die dem Krieg gegen den Krebs geopfert werden, kann kein Arzt eine anständige Studie machen. Dann gibt es keine geschönten Statistiken, die man den Patientinnen um die Ohren schlagen kann. Die Studien sollen begründen, warum es gefährlicher ist, die gefährliche Therapie nicht zu machen.

Sie schätzte, dass es ungefähr gleich gefährlich war oder meistens keine Rolle spielte. Denn das, was die zielgerichteten Medikamente heilten, machten die Chemotherapeutika wieder kaputt.

Sie dachte darüber nach, dass Krebstherapie-Verweigerer zu Helden würden, wenn man sich vorstellte, dass es der Krieg eines irrsinnigen Diktators war, den sie verweigerten. Ein Diktator, der Senfgas benutzt, nicht nur gegen Soldaten, sondern gegen die Zivilbevölkerung, gegen Senioren, Frauen und Kinder.

Die Verweigerer wurden vielleicht hingerichtet, aber sie wurden zu Helden. Und auf der anderen Seite saß der Krebs. Passiv, aber wachsend. Die Patientin war überzeugt davon, dass der meiste Krebs zu verhindern sei, durch die konsequente Bekämpfung von Kanzerogenen. Was aber niemand für nötig hielt.

Das war der gesellschaftliche Konsens. Die Standardtherapie hatte gefälligst zu helfen, sie abzulehnen war purer Wahnsinn. Und niemand sollte auf die Idee kommen, etwas gegen Kanzerogene zu tun, weil das die Wirtschaft schädigte.

Junge zeigt Heilpraktiker an?

Eines Tages, drei Jahre danach schlug die Patientin von damals die Zeitung auf und las die Schlagzeile: „Fünfjähriger verklagt Heilpraktikerin.“

Die Mutter des Jungen war gestorben. Natürlich verklagte nicht der Junge die Heilpraktikerin, sondern sein Vater, denn seine Frau war an Krebs gestorben, nachdem sie zur Heilpraktikerin gegangen und eine Strahlentherapie abgebrochen hatte.

In einem kurzen Satz hieß es, dass sie vermutlich auch mit der Strahlentherapie gestorben wäre. Trotzdem machte der Mann sich die Mühe, die Heilpraktikerin zu verklagen. Was versprach er sich davon?

Das brachte die Patientin wieder zum Nachdenken, warum sie eigentlich niemanden verklagen konnte. Sie hatte von der ersten Therapie einen viel schlimmeren Krebs bekommen, weil ihr niemand erlaubt hatte, auf zwei Medikamente zu verzichten, die bekannte Kanzerogene sind. Aber immerhin lebte sie noch.

Die Frau war gestorben. Das ist tragisch und es tat ihr unendlich leid, besonders für den Jungen, der das überhaupt nicht verstehen konnte. Die Trauer des Ehemannes konnte sie nachvollziehen.

Sie hatte auch schon Menschen an den Krebs verloren, aber soweit sie wusste, war keiner von ihnen in Behandlung bei einem Heilpraktiker gewesen. Sie selbst auch nie. Sie suchte sich alles aus dem Internet und Büchern zusammen und besprach es dann mit ihrem Hausarzt.

Alle diese Bekannten hatten die normale Therapie gemacht, wie es sich gehört. Und sie waren gestorben und niemand hatte die Ärzte oder die Klinik danach verklagt. Warum eigentlich nicht?

Gleiches mit Gleichem

Sind nicht alle Ärzte genau wie Heilpraktiker? Sie verschreiben oft genug Medikamente, die genau das auslösen, was sie heilen sollen. Zum Beispiel Antidepressiva, die zu Selbstmordgedanken führen. Oder Krebsmedikamente, die Krebs auslösen. Gleiches mit Gleichem. Typisch Heilpraktiker.

Aber man kann die Ärzte nicht verklagen, wenn die Standardtherapie scheitert. Es steht ja in der Leitlinie, dass es die beste Therapie war. Ärzte haben den Freibrief, alles falsch zu machen, solange es in der Leitlinie steht, die sie selbst geschrieben haben.

Eine Sache verstehen nur sehr wenige gesunde Menschen. Wenn eine Patientin zu einer Heilpraktikerin geht, dann bedeutet das meistens, dass diese Patientin mit der Standardtherapie schon abgeschlossen hat.

Für so eine Entscheidung gibt es handfeste Gründe, die mit den Erlebnissen während dieser Standardtherapie zusammen hängen. Zum Beispiel dumme Sprüche von Ärzten, Zwang, Zeitmangel, zu wenige Gespräche, fehlendes Vertrauen oder ein Gynäkologe, der einfach irgendwas von den Genitalien mit abschneiden will.

Wenn Angehörige, Ärzte, Freunde, Bekannte und Familie die Patientin soweit bearbeitet haben, dass sie endlich die Therapie macht, dann muss sie all die Schmerzen und die Ängste alleine fühlen. Und sie muss mit den Nebenwirkungen weiterleben. 

Sie dachte darüber nach, wie das alles miteinander zusammen hing und wie selbst mit den Nebenwirkungen dann noch Geld generiert wurde.

Es kam ihr vor, als würde unsere Gesellschaft sich von dem Leid einzelner Personen ernähren. Wie ein riesiges parasitäres Ungeheuer. Diese Gesellschaft war ein einziges, großes ekelhaftes Krebsgeschwür.

Zwang ist kein gesunder Weg

Sie erfuhr aus dem Artikel nicht, wie viele Chemotherapien diese Mutter vorher schon durchgemacht hat. Vielleicht war die Strahlentherapie der absolut letzte Versuch.

Sie beneidete die Ärzte nicht dafür, dass sie den Leuten auch sagen mussten, wenn es keinen Sinn mehr machte, wenn sie lieber ins Hospiz gehen sollten, um in Ruhe zu sterben.

Und wieder fragte sie sich, wer verklagt eigentlich die „normalen“ Ärzte, wenn ihre Patienten durch die Standardtherapie wieder einen Zweitkrebs bekommen und dann sterben? Niemand.

Dabei war doch die Therapie die Ursache davon. Kanzerogene als Krebstherapie. Warum wird das noch gemacht? Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter, wo man solche Dinge einfach nicht wusste, dachte sie.

Aber der Zweitkrebs wurde einfach als Teil der Therapie akzeptiert, genau wie die ganzen Kanzerogene, die in der Landwirtschaft verwendet werden, die in jedem Produkt stecken und von denen unsere Umwelt voll ist.

Das war alles normal, aber wenn sich jemand weigerte, eine schlechte Therapie zu machen, dann galt das als verrückt und leichtsinnig. Was konnte leichtsinniger sein, als Leuten Kanzerogene in die Venen zu spritzen, fragte sie sich.

Eine solche Therapie abzulehnen, war nicht verrückt, sondern ein Zeichen von gesundem Menschenverstand. Das war Selbstbestimmung.

Genau die Selbstbestimmung, die bei der Erlaubnis der kommerziellen Sterbehilfe noch eine so große Rolle gespielt hatte. Aber mit der Verweigerung einer Therapie konnte nunmal kein Geld generiert werden.

Dies passiert erst, wenn sich die betroffenen Verweigerer eine Ersatztherapie suchen. Auch sie würde ihre Pflanzenpräparate für den Rest ihres Lebens selbst bezahlen müssen.

Sie dachte, dass im Grunde jede Krebs-Standardtherapie eine Zwangstherapie sei, denn niemand wollte das wirklich alles machen. Ärzte und das soziale Umfeld zwangen die Patienten durch gutes Zureden, bewusstes Lügen und Fakten-verdrängende Ignoranz dort hinein.

Zum Heilpraktiker gingen die meisten freiwillig. Warum wurden Heilpraktiker dann für Dinge verklagt, die bei normalen Ärzten akzeptiert wurden?

Sie wusste nicht, ob es wirklich an der Existenz dieser magischen Leitlinie lag, die alles rechtfertigen konnte. Aber sie wusste, dass Gesundheit, die durch eine erzwungene Therapie entstanden war, niemals echte Gesundheit sein konnte.

Denn sie spürte, wie sie selbst Misstrauen und Wut gegenüber Ärzten entwickelte und am liebsten nie mehr in ihrem Leben ins Krankenhaus gehen wollte.

Sie wusste, dass Zwang einfach alles zerstört und selbst ein massiver Angriff auf die Gesundheit ist. Und sie fühlte sich hilflos, weil ihr bewusstgeworden war, dass sie in einer Gesellschaft lebte, in der es sozial akzeptierten Zwang gab.