Ein Meter für einen Wolf

Ein glückliches Schaf aus der Nachbarschaft

In Deutschland wird gerade der semilegale Abschuss eines sogenannten Problemwolfes vorbereitet. Aber nicht nur das. Zum Problemwolf gemacht wird in Zukunft ein Wolf, der einen nur meterhohen Zaun überwinden kann. In Zukunft will man auch ganze Rudel töten. Das Recht, in diesem Fall der Artenschutz, wird gebogen und gebrochen, bis man das erreicht, was die Agrarlobby sich wünscht. Herdenschutz ist in Zukunft wohl nicht mehr notwendig. Statt dessen wird gerade die Ausrottung 2.0 in Dumm-Deutschland vorbereitet.

Warum Semilegal?

Man versucht sich, mit diversen Rechtfertigungen, an das bestehende Recht zu halten, dies wirkt aber sehr unglaubwürdig und verlogen.

Laut Bundesartenschutzverordnung – BArtSchV kann es zwar Ausnahmen geben, aber nur durch die zuständige Behörde und nur „sofern Belange des Artenschutzes dem nicht entgegenstehen“. Auch beim Bundesnaturschutzgesetz – BNatSchG § 45 heißt es:

„(…) Eine Ausnahme darf nur zugelassen werden, wenn zumutbare Alternativen nicht gegeben sind und sich der Erhaltungszustand der Populationen einer Art nicht verschlechtert (…)“

Tatsache ist, dass ein Abschuss nicht rechtens sein kann, wenn nicht zuerst alle anderen Maßnahmen probiert worden sind. Und davon kann keine Rede sein. Ein ordentlicher Herdenschutz ist für Tierhalter, die typische Herdentiere halten, wohl mehr als zumutbar.

Im Moment wird aber versucht, den Begriff des Problemwolfes willkürlich auszudehnen und die Ausnahme zur Regel zu machen. Inzwischen wird auch in Niedersachsen ein Abschuss vorbereitet.

Eine “Entnahme”, wie es in sauberem Beamten-Deutsch genannt wird, sollte eine Ausnahme bleiben. In Deutschland wird sie aber bald zur Regel. Dafür brauchen Politiker, Lobbyisten und angebliche Tierschützer nur vier Worte: Mit den Worten “wolfsicher”, “Problemwolf”, “zumutbar” und “wirtschaftlicher Schaden” bereiten sie die Ausrottung vor, die gegen internationales Recht verstößt.

Wölfe, die es schaffen, einen ein Meter hohen, sogenannten wolfsicheren Zaun zu überwinden, gelten jetzt plötzlich schon als Problemwolf. Manchmal reichen auch 90 cm. Das ist gerade mal die Schulterhöhe einiger Wölfe. Auch Hunde könnten so einen Zaum problemlos überwinden. Warum wird so ein Zaun dann Wolfsicher genannt?

Statt höhere und bessere Zäune zu bauen und alle Möglichkeiten des Herdenschutzes voll auszunutzen, wurde nun übereifrig der Abschuss beschlossen, noch bevor das DNA-Ergebnis eingetroffen war. Dann wurde händeringend ein Antragsteller dafür gesucht. Da sich das niemand traute, aus Angst vor fanatischen Tierschützern, hat man die Antragstellung anonym möglich gemacht.

Doch dadurch schwindet die Transparenz vollkommen. Das passt dazu, dass illegale Abschüsse, die es ja auch gibt, nicht verfolgt oder gar bestraft werden. Man nimmt die Wilderei stillschweigend hin. Und nun wird die Ausrottung vorbereitet, weil das angeblich das ist, was die Menschen wollen. Dass wir mit dem Wolf eine Chance haben, unsere Natur wieder zu sanieren, dass interessiert niemanden, da Aufklärung in Dumm-Deutschland immer auf ausgedorrten Boden fällt und nicht greifen kann. Und dazu müsste es auch erst einmal Aufklärung geben.

Wer den Pelz bestellt hat, kann ihn nun auch selbst schießen.

Wie wird das offiziell begründet?

Eine Begründung konnte man am 21. Januar in der Nordfriesland Tageblatt lesen, unter der zynischen Überschrift: „Der Abschuss-Kandidat“

Wenn durch einen DNA-Nachweis bewiesen wird, dass ein Wolf im Kreis Pinneberg für weitere Risse hinter wolfsicheren Zäunen verantwortlich ist, hält Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) den Abschuss des Tieres für wahrscheinlich – es wäre der erste eines Wolfes in Schleswig-Holstein. Durch das Töten (…) solle (…) verhindert werden, dass „bestimmte Verhaltenspraktiken“ Einzug in die Population halten.“

Welche Population? In Schleswig-Holstein gibt es gerade einmal zwei sesshafte Wölfe! Doch auch der Koordinator der Wolfsbetreuer Jens Matzen begründet den geplante Abschuss des angeblichen Problemwolfes ebenfalls so, dass damit verhindert werden soll,

„(…) dass er sein Verhalten anderen Wölfen beibringt (…)“.

Quelle: Nordfriesland Tageblatt vom 21. Januar, Titel: „Der Abschuss-Kandidat“

Denkt niemand darüber nach, dass es im Moment ja nur zwei Wölfe in Schleswig-Holstein gibt? Wird einer von beiden geschossen, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier ein Rudel bilden kann, stark sinken.

Doch die beiden Entscheidungsträger sind sich einig. Dabei zählt das Töten von Nutztieren offiziell gar nicht zu den problematischen Verhaltensweisen. So informiert das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit:

Nicht zu den “auffälligen Wölfen” gehören Tiere, die Nutztiere reißen. Wölfe sind Fleischfresser und das Töten von Wild- und Nutztieren ist keine Form der Aggression, sondern Nahrungserwerb. Mit der Zunahme der Wölfe gibt es natürlich hier eine deutliche Zunahme der Probleme. Die Übergriffe finden jedoch vor allem dort statt, wo kein oder ungenügender Herdenschutz installiert wurde.“

Quelle: BMU Ab wann spricht man von einem auffälligen Verhalten beim Wolf?

Wölfe: Problemlöser statt Problemwolf

Das Problem ist, dass der Wolf seine Scheu verloren hat. Wölfe, die immer wieder die Nähe von Menschen suchen, können schnell den Stempel Problemwolf aufgedrückt bekommen. Es gibt jedoch mehrere logische Gründe, warum Wölfe sich so verhalten.

1. Die Strukturen lassen es nicht anders zu. Deutschlands Naturflächen sind zu wenig und zu stark zergliedert. Es gibt kaum noch naturbelassene Wälder oder Flächen, die nicht in irgendeiner Form bewirtschaftet, ausgebeutet, bejagt, verschmutzt, überfischt oder ungünstig beeinflusst werden. Dieses Problem hat auch der BUND erkannt und arbeitet seit Jahren an der Vernetzung von Wäldern. Ziel ist, dass Wildkatzen, aber auch andere Tiere, wandern können, ohne dem Straßenverkehr zum Opfer zu fallen. Zu dem gleichen Zweck werden Deutschlandweit Wildtierkorridore geschaffen. Auch Grünbrücken, zur sicheren Überquerung von Straßen sind laut Nabu in Deutschland geplant.

2. Sie haben mit Menschen gute Erfahrungen gemacht. Hier sind Menschen, die von Wölfen fasziniert sind diejenigen, die sich mehr bremsen und zurückhalten müssen. Nicht füttern, nicht anlocken, nicht ermutigen! Solange es Lügen, Panikmache und den Mob gibt, schadet es den Wölfen nur. Wölfe sind interessante Tiere, aber leider nur in Sicherheit, wenn sie scheu genug sind. Nur unsichtbare Wölfe sind lebendige Wölfe. Das gilt besonders in Dumm-Deutschland, wo die Agrarlobby ihre Diktatur betreibt und Wirtschaftlichkeit über Gesundheit und Naturschutz steht.

3. Sie sind einfach zu jung. Wenn Wölfe auf der Wanderung sind, um sich ein eigenes Revier zu suchen, dann sind sie auch manchmal sehr übermütig bzw. mutig. Gibt man den Wölfen nicht die Gelegenheit, zu lernen und Fehler zu machen, dann könnte man sie gleich alle als Problemwolf betiteln und abknallen. Was jetzt wohl passieren wird. Ausreichender Herdenschutz kann man den Tierhaltern anscheinend nicht zumuten. Es werden von der Regierung sogar Pläne geschmiedet, ganze Rudel zu töten. Es ist jedoch laut EU-Richtlinie verboten, den Bestand durch Abschuss zu regulieren. Ausnahmen können nicht einfach zur Regel erhoben werden.

4. Sie haben Hunger. Wir Deutschen zerstörten die natürlichen Wälder in unserem Land, verpesten täglich unser Wasser mit Gülle und reduzieren mit der Jagd die mögliche Beute der Wölfe. Jetzt, wo es wieder ein paar Wölfe gibt, könnten endlich Gesetze erlassen werden, dass die Jagd und die Verschmutzung aufhört. Wenn nicht für die Gesundheit der Menschen, dann wenigstens für die Wölfe. Der Mensch hat schon seine Nutztiere, die er auf grausame Weise tötet. Die Regulierung der Wildbestände sollte nun den Wölfen überlassen werden. Die können das auch viel besser, was sie aber nur beweisen können, wenn man sie lässt. Kein Wolf sollte so hungrig sein, dass er auf einem Kompost nach Nahrung suchen muss.

5. Sie wollen nur ihren Job machen. Wölfe regulieren dort, wo zu viele Tiere auf einem Haufen sind, um die umliegende Natur zu schützen. Das ist ihr ureigener Job, ihr genetisches Programm. Und durch das Überangebot von Viehherden könnten Wölfe denken, dass es einfach zu viele Nutztiere gibt. Was ja auch stimmt. Ihr Instinkt sagt ihnen dann, dass sie diese regulieren müssen. Zumal ich von einem Fall gelesen habe, wo ein Wolf sich gerade die kranken Tiere aus einer Herde ausgesucht hat, um sie zu töten. Todesursache war dann nicht der Wolfsangriff, sondern die Krankheit der Tiere. Sie hätten irgendwann die ganze Herde angesteckt. Wölfe sind in der Natur die Regulierer, quasi die Polizisten der Natur. Menschen sind die Zerstörer, die das Gleichgewicht durcheinander bringen und alles verschmutzen.

Herdenschutzhunde: einfach nicht zumutbar?

Was für einen Menschen nach Problemwolf aussieht, kann in Wirklichkeit eine perfekte Wolfslogik sein. Hinzu kommt, dass Wölfe sich vertreiben lassen, außer wenn sie gerade fressen. Am besten, man verhindert, dass sie überhaupt auf die Weide kommen. Strom, breite Flatterbänder, blinkende Lampen mit Bewegungsmelder, Untergrabschutz. Das sind einige Ideen, wie man Wölfe fernhält. Angewendet davon wird schätzungsweise kaum etwas, da man es den meisten Tierzüchtern wohl nicht zumuten will.

Doch was ist mit Hunden? Heutzutage hat ohnehin fast jeder einen Hund. Herdenschutzhunde könnten Wölfe am Besten vertreiben. Das wäre ein Punkt, über den viel mehr aufgeklärt werden muss.

Hunde sind nicht nur gute Schoßhunde oder Statussymbole, sondern sie können eine ganze Menge! Schließlich stammen sie vom Wolf ab. Der beste Freund des Menschen ist ein Nachkomme des größten Feindes! Obwohl ich persönlich glaube, dass der Mensch sich selbst der größte Feind ist.

Der Nabu informiert:

“(…) Sie spielen unter Schafen und Ziegen, werden von den Tieren mal geknufft und mal gestupst. Die Welpen lernen, dass all diese Tiere zum Rudel gehören. Und das bewachen sie ihr Leben lang. (…) Darüber hinaus sehen sie die Weide als ihr Territorium an, in dem sie keine anderen „Caniden“ wie Hunde oder Wölfe dulden. Damit sind Hunde für den Herdenschutz weitaus effizienter als andere Tiere wie etwa Esel. Sie sind auf ihre Eigenschaften hin gezüchtet (…). Mit zwei bis drei Monaten kommen die jungen Hunde zu erfahrenen Hunden, die ihnen als Mentor zur Seite stehen. (…)“

Hunde sind Arbeitstiere. Sie wollen dem Menschen gefallen. Sie sind Lernfähig. Das sind alles Gene, die vom Wolf stammen: Hunde helfen Behinderten, retten Menschen aus Erdbebengebieten und suchen sie unter Lawinen oder wenn sie vermisst werden, sie sind Therapiehunde oder eben Hirtenhunde. Das sollte man sie einfach mal machen lassen. Die Tierzüchter werden einfach nicht genug ermutigt. Und so läuft das Ganze in eine vorbestimmte, gewollte Richtung.

Wenn es keinen echten Herdenschutz gibt, die Zäune nur 1 Meter hoch sein müssen, mit minderwertigem Untergrabschutz, und mit lächerlich weit auseinander klaffenden Litzen, nirgendwo Herdenschutzhunde in Sicht sind oder Hüter, welche auf die Herde acht geben, oder Nachtpferche, dann entsteht beim Wolf womöglich der Eindruck einer stillschweigenden Duldung. Man darf nicht vergessen, wie schlau diese Tiere sind. Doch das macht sie in Zukunft dann zu “Problemwölfen” und “Abschusskandidaten”. Es bleiben nur die wenig neugierigen und extrem scheuen Tiere übrig, wenn überhaupt.

Jens Matzen sagte der Nordfriesland Tageblatt: „Der Wolf ist ein Schisser.“

Quelle: Nordfriesland Tageblatt vom 21. Januar, Titel: „Der Abschuss-Kandidat“

Das klingt wie Hohn und Spott aus dem Mund von jemanden, der den Abschuss mit empfiehlt, plant und trägt, aber dessen Aufgabe es wäre, die Menschen besser aufzuklären und ihnen beim Herdenschutz zu helfen.

Der Nabu hält dagegen:

(…) Ein Wolf vermeidet grundsätzlich einen Kampf um Beute. Er könnte sich verletzen, was ihn wiederum für spätere Beutezüge schwächt. Als Jäger, dessen Streifzüge täglich 40 Kilometer betragen, ist die körperliche Unversehrtheit das höchste Gut. (…) Wölfe sind vorsichtige Tiere. Sie beobachten ihre Beute, bevor sie angreifen. Wölfe erkennen, welche Tiere jung, alt oder krank sind und damit überhaupt als Beute erreichbar sind. Die Herdenschutzhunde sind mindestens so groß wie die Wölfe. Die Hunde bedeuten also eine echte Gefahr für Wölfe. Die Schafe oder Ziegen in der Herde sind deswegen nicht mehr interessant für sie. (…)“

 

Schleswig-Holstein.de: Verhalten bei einer Wolfsbegegnung

Nur ein unsichtbarer Wolf ist ein lebendiger Wolf

Es wäre tatsächlich besser für die Wölfe, wenn sie scheu bleiben und den Menschen meiden. Doch wegen der Zergliederung der Landschaft und in Ermangelung natürlich belassener großer Wälder und sonstiger Naturflächen, ist das wohl nicht möglich. Deutschland wäre laut EU-Richtlinie eigentlich seit Jahren verpflichtet, entsprechende Schutzgebiete einzurichten. Darüber scheint jetzt niemand mehr zu sprechen. Statt dessen spricht der Mob von Wolfs-freien Zonen, was nicht das Gleiche ist. Wölfe sind ausdrücklich auch außerhalb der Schutzgebiete geschützt.

Es gibt Beispiele aus anderen Ländern, wo Wölfe regelmäßig durch die Stadt streifen, um die Mülltonnen zu durchsuchen und Ratten zu jagen. Die Menschen haben sich daran gewöhnt und sind dem Wolf dankbar. Durch den übermäßigen Mais-Anbau wird es in Deutschland auch immer mehr Ratten geben. Besonders in Schleswig-Holstein ist das schon ein Problem. Aber statt die natürlichen Fressfeinde dieser Plagegeister zu schützen, werden Marder und Co überfahren oder von Hobbyjägern erschossen. Vielleicht gibt es irgendwann sogar wieder die Pest. Alles Hausgemacht.

Ein geschossener Wolf kann die Erfahrung, das Wölfe Menschen und ihre Haus- und Nutztiere besser meiden sollten, jedenfalls nicht mehr weitergeben. Darum halte ich das Vorhaben eines voreiligen Abschusses für eine typisch männliche Milchmädchenrechnung. Es wirkt wie eine vorgeschobene Rechtfertigung, wenn man sich ansieht, wie lapidar der Herdenschutz betrieben wird und wie die Zäune teilweise aussehen, die angeblich wolfsicher sein sollen. Sichere Weidezäune unterscheiden sich in Wirklichkeit kaum von sogenannten wolfsicheren Zäunen. Umständlich wäre es nur, einen funktionierenden Untergrabschutz einzubauen. Aber der wird oft gar nicht verlangt, weil es nicht zumutbar ist.

Der durch einzelne Politiker und Lobbyisten aufgehetzte Mob wünscht sich tote Wölfe, es wird wieder tote Wölfe geben. Und die Aufklärung weicht der Propaganda und Stimmungsmache, wie es in Deutschland bei fast allen emotionalen Themen üblich ist. Es ist zwar wahr, dass es militante Tierschützer gibt. Eine andere Sache ist aber, wenn falsche Zahlen verbreitet werden, um den Menschen noch mehr Angst zu machen. Angst und Panik verhindern, dass sachlich über das Thema gesprochen werden kann.

Panikmache, Propaganda und Lügen

Der Deutsche Bauernverband verbreitet seine eigene Hochrechnung zur Anzahl der Wölfe in Deutschland samt Grafik, um bei den Mitgliedern ordentlich Stimmung und Angst zu verbreiten. Tausend Wölfe seien es schon und es würden immer mehr, ein guter Erhaltungszustand sei schon lange erreicht. Teilweise wird das dann übernommen und verbreitet, als wäre es eine glaubwürdige Information.

Als Quelle wird die DBBW (Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf) bzw. das BFN (Bundesamt für Naturschutz) angegeben. Dort finden sich diese Daten aber gar nicht, so dass man von einer glatten Erfindung ausgehen muss.

Quelle: Bauernverband Inzwischen über 1000 Wölfe in Deutschland

In Wirklichkeit sind diese Zahlen offenbar eine sehr großzügige Schätzung des Deutschen Jagdverbandes:

(…) Nach Schätzungen des Deutschen Jagdverbandes (DJV) leben inzwischen über 1.000 Tiere in Deutschland, eine Verdopplung innerhalb von drei Jahren ist realistisch. (…)“

Quelle: Jagdverband neue Wege im Wolfsmanagement gehen

Diese Diskrepanz wird bei Tagesschau.de sehr gut formuliert:

Die Zahlen gehen stark auseinander: Während der Deutsche Jagdverband von mehr als 1000 Wölfen in Deutschland spricht, geht das Bundesamt für Naturschutz hingegen von 150 erwachsenen Wölfen aus.

Die Informationen (Stand Ende 2018) der DBBW lauten in Wirklichkeit:

(…) Aktuell sind in Deutschland 73 Wolfsrudel bestätigt. (…) Damit ist die Zahl der in den Bundesländern bestätigten Rudel des Monitoringjahres 2017/2018 in Deutschland im Vergleich zum 22. November 2017 um 13 gestiegen. Zusätzlich ist die Zahl der Wolfspaare von 21 auf 30 angestiegen. Außerdem wurden drei sesshafte Einzelwölfe bestätigt. (…)“

Es sind also nicht 1000 Wölfe. Wie Wölfe gezählt werden, also nur Rudel und erwachsene Tiere, dass muss man schon den Fachleuten überlassen. Auch wenn der Deutsche Bauernverband das offensichtlich nicht versteht und es für eine Verharmlosung hält.

Es ist merkwürdig zu beobachten, wie erwachsene Männer Angst vor Welpen haben, gleichzeitig aber fast jeder in Deutschland einen Hund besitzt. Und traurig, dass man sich wieder mal dafür entscheidet, gefährliches Halbwissen zu verbreiten, um Panik zu erzeugen. Dumm-Deutschland eben. Das Land der Propaganda und des gefährlichen Halbwissens.

Wann ist der sichere Erhaltungszustand erreicht?

Es ist etwas komplizierter, den sicheren Erhaltungszustand zu errechnen, als nur von den aktuellen Zahlen auszugehen. Wenn es überhaupt möglich ist.

Nicht nur die hohe Welpensterblichkeit ist ein Grund dafür. Wird das Futter knapp, dann verhungern die Tiere einfach. Es gibt auch immer mehr Totfunde. Wölfe werden zunehmend überfahren oder illegal geschossen. Wo bleiben die Grünbrücken?

Zusätzlich wird kaum mal ein Wilderer erwischt oder bestraft. Darum kann man davon ausgehen, dass die Wilderei stillschweigend geduldet wird. Vermutlich sind es Jäger, welche die Sache selbst in die Hand nehmen. Gerade in Schleswig-Holstein haben sicher auch viele Landwirte einen Jagdschein. Man kennt sich untereinander. Und alle haben das gleiche Ziel. Töten, töten, töten.

Was eine lebensfähige Population sein könnte, beschreibt das Bundesamt für Naturschutz in der Broschüre „Leben mit Wölfen“:

(…) Eine lebensfähige Population (= MVP: Minimum Viable Population bzw. Minimale Lebensfähige Population), ist eine Population, die groß genug ist, ihre genetische Variation und damit ihr evolutionäres Potential aufrechtzuerhalten. (…)“

Es geht also nicht nur um die Anzahl der Wölfe, sondern auch darum, eine genetische Vielfalt zu haben, um Inzuchtdepression zu verhindern. Würde man die Wölfe in Schutzzonen isolieren und sie an der Ab- und Zuwanderung durch Abschuss hindern, wie es ja bei wolfsfreien Zonen der Fall sein würde, würde niemals ein günstiger Erhaltungszustand erreicht.

(…) Startet eine isolierte Population dagegen mit wenigen Gründerindividuen, erreicht sie allein durch zahlenmäßiges Anwachsen keinen günstigen Erhaltungszustand, da ihr die dafür erforderliche genetische Variabilität fehlt (siehe Kap. 4.4, Skandinavische Wolfspopulation). (…) Bereits ein oder zwei zuwandernde und sich reproduzierende Wölfe pro Wolfsgeneration (ca. 5 – 6 Jahre, LIBERG 2002) reichen aus, um die genetische Variation einer Population zu erhalten. (…)“

Quelle: BFN Leben mit Wölfen

Wenn einer von zwei Wölfen in Schleswig-Holstein geschossen wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier überhaupt ein Rudel bilden kann. So hat man eine Menge Leute für eine Weile zufrieden gestellt. Da dies aber ein zugewanderter Wolf ist, wird ebenfalls die genetische Vielfalt zurück geworfen. Wenn die Deutschen so weiter machen, haben wir bald das Problem der Inzucht bei Wölfen. Gratuliere Deutschland!

Ganze Rudel von Problemwölfen?

Der Mensch stellt dem Wolf nach, zerstört seinen Lebensraum, nimmt ihm Nahrung durch die Jagd weg und erklärt ihn dann, wenn er sich die Nahrung woanders sucht, zum Problemwolf? Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass es in Zukunft immer mehr Problemwölfe gibt. Es wird zur reinen Interpretationssache.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit schreibt dazu:

(…) Offenbar gab es erstmalig in 2017 vereinzelte Fälle, in denen aber auch der den Schafhaltern zumutbare Herdenschutz überwunden wurde, so dass sich die Frage einer Entnahme der Tiere beziehungsweise Rudel gestellt hat. (…)“

Quelle: bmu Ab wann spricht man von einem auffälligen Verhalten beim Wolf?

Es wird regelmäßig vom Mob betont, das Wölfe nicht nach Schleswig-Holstein / Deutschland gehören. Das erinnert mich ein wenig an die Flüchtlingsdebatte, bei der aus Menschen, die in größter Not sind und die Hilfe suchen, plötzlich eine Flüchtlingskrise gesponnen wird. Und das, nachdem jahrzehntelang nur die Alterspyramide und der Fachkräftemangel das Thema war. Politiker hetzen immer kräftig mit. Manchmal sind sie sogar die Ersten, die damit anfangen. Und bisher scheint das auch noch zu funktionieren. Weil Deutschland eben das Land der Propaganda ist.

Den Schafzüchtern hilft es nicht, wenn ein Wolf getötet wird. Es befriedigt höchstens ihre Vergeltungsbedürfnisse. Im Gegenteil, denn wo erfahrene Wölfe fehlen, da gibt es mehr unerfahrene Wölfe. Das Problem wird sich verschlimmbessern. Ein anderer, viel jüngerer Wolf wird den Platz des getöteten Wolfes einnehmen und es vielleicht auch mit den reichlich vorhandenen und kaum geschützten Schafen versuchen.

Aber nicht nur einzelne Wölfe, nein ganze Rudel plant man auszurotten! Wie kann ein Rudel zum Problemwolf werden? Welpen töten, wie früher, als man den Wolf ausrottete? Und das bei gerade mal ein paar Hundert Wölfen in Deutschland? Das ist grotesk und grausam. Und man findet diese entlarvende Formulierung ausgerechnet auf der Seite des BMU, welches für die Aufklärung zuständig sein sollte.

Ein Meter für einen Wolf

Man muss ja nicht den Namen des Schützen preis geben, der einen sogenannten “Problemwolf” tötet. Oder den Namen des Antragstellers. Dringend sollte man aber die Zäune, die mehrmals von einem Wolf überwunden wurden, der dadurch zum Problemwolf gemacht wird, fotografieren und diese Bilder dann veröffentlichen. Das sollte zur Pflicht werden. Das macht die Suche nach Ausnahmen, die man dann semilegal schießen kann, wieder transparenter und weniger scheinheilig.

Ich glaube, dass viele Tierzüchter sich falsch beraten fühlen, besonders hinsichtlich ihrer Zäune. Eine Bildersuche nach „wolfsicherer Zaun“ bringt die unterschiedlichsten Ergebnisse hervor. Einige geben schon auf den ersten Blick das Wort „wolfsicher“ der Lächerlichkeit preis. Manche Zäune laden Wölfe und wildernde Hunde eher ein, als dass sie abschrecken. Aber es geht ja auch nur um das, was den Tierzüchtern „zumutbar“ ist. Das steht so im Gesetz. Offenbar ist das nach Meinung der Berater nicht besonders viel. Das macht die ganze Sache noch ein Stück verlogener.

Es gibt inzwischen Firmen, die sich auf den Bau solcher Zäune spezialisiert haben. Die Frage ist aber, wie sehen solche Zäune aus und wie unterscheiden sie sich von normalen Weidezäunen?

Jens Matzen sagt in dem Bericht der Nordfriesland Tageblatt über den Schäfer Stefan Johannsen aus dem Kreis Pinneberg:

(…) Der Schutzzaun, den Johannsen gespannt hat, entspricht den Standards. Wir haben hier eine Höhe von 1,05 beziehungsweise 1,08 Meter, die eigentlich ausreicht, um einen Wolf abzuhalten. (…) Normalerweise springt ein Wolf nicht über einen Zaun. Er versucht immer unten drunter durchzukommen (…)“

Quelle: Nordfriesland Tageblatt vom 21. Januar, Titel: „Der Abschuss-Kandidat“

Auch hier geht es wohl um Netze, die übersprungen worden sind. Manchmal sind es auch nur 90 cm, was mindestens installiert werden muss:

“(…) Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) empfiehlt daher als Herdenschutzmaßnahmen, 120 cm hohe elektrische Zäune oder 90 cm hohe Zäune mit zusätzlichen Flatterbändern frühzeitig und flächendeckend zu installieren.(…)”

Quelle: NDR Wann ist ein Zaun wolfsicher?

Litzenzäune gelten plötzlich als wolfsicher

Ein Meter für einen Wolf? In einer Broschüre des aid aus dem Jahr 2016 über sichere Weidezäune, die gratis heruntergeladen werden kann, sehen normale sichere Weidezäune (ohne Wolfgedöns) so aus:

Der normale sichere Weidezaun laut aid (2016):

1. Elektrifizierbare mobile Weidezäune

  • Höhe: 85 – 110 cm

2. Mehrdrähtige Festzäune

  • Höhe: 90 – 120 cm
  • 2 – 4 Drähte
  • Drähte in Höhe von 25 – 30 cm, 45 – 50 cm, 60 – 65 cm und 90 – 120 cm

Nach der aid Broschüre von 2016 sehen wolfsichere Zäune so aus:

Der wolfsichere Weidezaun laut aid (2016)

1. Mobile Netzzäune

  • Höhe 90 – 110 cm
  • Unterste Litze darf nicht mehr als 20 cm vom Boden entfernt sein
  • Unterste Litze muss Strom führen (mindestens 2000 Volt)
  • Entladeenergie mindestens 1 Joule
  • Sichtbare senkrechte Kunststoffstreben
  • groß genug, damit die Tiere ausweichen können
  • Falls das nicht möglich ist Nachts die Tiere in den Stall
  • oder Herdenschutzhunde einsetzen

2. Feste Weidezäune

  • Höhe 120 – 140 cm
  • Maschendraht oder Drahtknotengeflecht (durchschlupfsicher)
  • Lückenlos und bodenbündig
  • Unterwühlschutz 40 cm tief und 1 Meter breit, fest verankert
  • Flatterband oder Breitbandlitze über der Zaunoberkante

Mindeststandard in SH für Entschädigungen & Co:

Auf der Seite Schleswig-Holstein.de sehen die Empfehlungen dann noch etwas anders aus. Ich gebe hier mal nur den absoluten Standardschutz wieder, der reicht, um Entschädigungen zu bekommen. Das sind nach Meinung der Berater Zäune, die als Wolfsicher gelten und die den Tierhaltern zugemutet werden können:

1. Standardschutz Elektronetze

  • Höhe mindestens 106 cm
  • Mindestens 3000 – 5000 Volt

2. Standardschutz Litzenzaun

  • Höhe mindestens 100 – 120 cm
  • Litzenanzahl 4 – 5
  • Abstand der Litzen 20 – 30 cm
  • Abstand der Litzen zum Boden maximal 20 cm
  • Abstand der unteren Litzen maximal 20 cm

3. Standardschutz Festzaun

  • Höhe mindestens 120 cm
  • Wild- oder Knotengeflechtzaun

4. Kurzfristiger Schutz Lappzaun

  • Bunte Lappen, die sich im Wind bewegen an einer Schnur
  • Funktioniert, bis die Wölfe sich daran gewöhnt haben

Schlechte Standards provozieren Nutztierrisse

Während in der aid Broschüre Litzenzäune zum Standard der Weidetierhaltung gehören, aber nicht als wolfsicher gelten, hat das Land Schleswig-Holstein da offenbar eine ganz eigene Meinung.

Solche Zäune, die in der Standardversion offenbar nicht mal Strom führen müssen, sind vergleichbar mit den normalen sicheren Weidezäunen ohne Wolfsgedöns. Sie sind aber nicht wolfsicher, weil sie ganz und gar nicht durchschlupfsicher sind!

Nutztierrisse sind also schon bei der Empfehlung zum Herdenschutz mit eingeplant worden!

Hinweise auf Herdenschutzhunde fehlen nun dort vollkommen. Und so greift die Propaganda überall Fuß. Von den Tierhaltern kann man wohl nicht erwarten, dass sie dagegen protestieren, denn schließlich geht es bei ihnen um bares Geld, was nun durch provozierte Nutztierrisse generiert werden kann. Einen entlarvenden Hinweis darauf finde ich auf einer landwirtschaftlich geprägten Internetseite im Kleingedruckten unter dem Thema “Wolfabwehr”:

“(…) Hinweis: Die niedrigeren Höhenan­gaben von 90 cm genügen beim Einsatz von Elektro­zäunen im Regelfall den staat­lichen Mindestan­forderungen, um im Schadensfall eine Entschädigung zu erhalten. Für eine effektive Abwehr ist allerdings eine Höhe von 120 cm zu empfehlen.(…)”

Quelle: Patura so schützen sie ihre Tiere effektiv vor dem Wolf

Auf der Seite wird auch Technik für den Weidezaunbau verkauft. Was zumutbar ist, wird also nicht mal von der Seite von Weidezaun-Experten als wolfsicher betrachtet. Aber um kranke Tiere loszuwerden und Entschädigungen zu bekommen, kann man diese Lücke im Herdenschutz vielleicht nutzen. Und eben, wenn man Wölfe als Problemwolf markieren will, um sich ein schönes Fell zu organisieren.

Fazit

Auf mich wirkt das fast so, als würde man jetzt einen Wolf opfern, um zu beweisen, dass die bestehenden Gesetze ausreichen, um das zu tun. Es gab schon drei solcher „Entnahmen“, aber vielleicht verlangt der öffentliche Mob (der aus einigen Politikern, Verbandsvorständen und wenigen Tierhaltern zu bestehen scheint) ja regelmäßige Tieropferungen. Die wird es dann in Zukunft noch öfter geben, da die Definition, was ein Problemwolf ist, immer willkürlicher wird. Ausnahmen werden zur Regel erhoben.

Auch kleine Welpen und ganze Rudel werden wohl in Zukunft getötet. Gegen die Wilderei unternimmt man dagegen nichts. Das machen die jetzt so lange, bis es von der EU eine Rüge oder Ähnliches gibt. Aber das kann dauern, denn auch in Skandinavien entschließt man sich seit Jahren, den Schutzstatus großzügig zu ignorieren. Irgendwann sind unsere Wölfe dann wieder ausgerottet oder haben ein Inzuchtproblem, weil sie durch Abknallzonen isoliert sind.

Vielleicht hat es tatsächlich den Sinn, bestimmte Menschen zu beruhigen. Es wird das Signal gesendet: „Mensch siegt über Natur“ und vielleicht auch „Mann unterwirft Natur“. Manche brauchen das für ihr Seelenheil oder für ihre Potenz. Was auch immer. Die getöteten Nutztiere macht es nicht wieder gesund und den Wölfen hilft das auch nicht. Tote Wölfe können ihr Wissen und ihre Erfahrungen nicht an ihre Nachkommen weiter geben. Junge Wölfe, die ihren Platz einnehmen, werden die gleichen Versuche unternehmen und weiterhin ungeschützte Herden kommen einer Einladung gleich.

Wie gut, dass Tierzüchter vollständige Entschädigungen bekommen können bei minimalem Schutz, der diese Bezeichnung oft gar nicht verdient:

“(…) Die Europäische Kommission hat heute entschieden, dass Investitionen in Vorsorgemaßnahmen gegen Risse von Weidetieren durch Wölfe zu 100 Prozent durch die Länder finanziert werden können, ohne dass dies als unzulässige Beihilfe gilt. (…)”

Anstatt diese Verlogenheit zu zelebrieren, sollte man vielleicht einfach über eine offene Subventionierung der Schafhalter nachdenken. Vielleicht wird anständiger Herdenschutz ja auf diese Weise endlich zu einer zumutbaren Sache für die Tierzüchter…

Die Angst vor den Kräften der Natur sitzt den Menschen anscheinend tief in den Knochen. Das erinnert uns daran, dass wir dazu gehören. Wir stehen keinesfalls über der Natur. Kleinste Lebewesen wie Viren oder Bakterien können uns immer noch dahin raffen. Aber davor haben wir keine Angst! Im Gegenteil tun wir alles, was resistente Keime erst erzeugt. Die Massentierhaltung hat daran den größten Anteil. Die Agrarlobby kann tun und lassen, was sie will, auf Kosten unserer Gesundheit. Wir sollte nie vergessen, dass die Natur auch unsere Lebensgrundlage ist.

Aber wir tun fast nichts, um die Natur zu schützen. Statt dessen fürchten wir uns vor den Wölfen, welche in der Natur die Rolle der Ökopolizei übernehmen. Sie tun etwas, was Jäger einfach nicht erreichen können, egal wie viele Tiere sie schießen. Sie regulieren im Einklang mit der Natur. Der Mensch wird sich bei seiner Dummheit und Arroganz irgendwann selbst ausrotten. Und Dumm-Deutschland mit seiner Propaganda und übermächtigem Lobbyismus steht auf der Liste dafür ganz oben.